Erinnerungen (ziehen Kreise) DIE SCHÖNE MÜLLERIN Weimar 2004

Ein junger Mann sitzt auf einem Bahnhof. Anzug. Aktenkoffer. Auf dem Weg zu einem oder von einem Büro. Egal, wo er hinwill. Er wird nicht ankommen.

Worte sind um ihn rum Gesprochen von einer jungen Frauenstimme. DIE NACHT ES WIRD NACHT ES IST NACHT etc.
Sie erzählt etwas von Märchen, von der NACHT DER KÖNIGE von UMNACHTUNG und NACHT DER LIEBE.

Und dann geht es los.
Eine UBahn kommt vorbei.
Spuckt diese Frau aus.
Der Mann ist verliebt.
Die Frau verschwindet.
Der Mann rennt gegen die Kachelwände an, zerschneidet sich. Schreibt in den Bahnsteigboden ICH LIEBE DICH.
Singt Schubert Lieder.
Frisst Pralinen (ein Geschenk für diese Frau?)
Kotzt die Pralinen aus.
UBahnen hasten vorbei.
Dann ist die Frau wieder da. Oder nein. Es ist nur eine Puppe.
Seltsam, dass es keine Treppe gibt, die einen aus diesem Ort führt. Das einzige, was ein Ausweg sein könnte, ist mit Musik versperrt.

Der Ubahnhof. Die Theaterbühne. Ein Raum, in dem Zeit etwas ist, was außerhalb stattfindet. Was außerhalb weitergeht. Man kann es hören, aber es ist nicht da. Ein hermetischer Seelen-Projektions-Raum, aus dem es kein Entrinnen gibt.

Diese Stimme ist da. Manchmal, blitzhaft, gehört ein Mensch dazu. Aber nur ganz kurz. Dann zerfällt das wieder.

 

Zerbrochen ist das Steuer und es kracht das Schiff an allen Seiten. Berstend reißt der Boden unter meinen Füßen auf. Ich fasse Dich mit beiden Händen an. So klammert sich der Schiffer endlich noch am Felsen fest, an dem er scheitern sollte.

So sprach die Nacht, als sie sich schamvoll beugte über sich selbst: Ich gab ihnen die Träume, die guten und die bösen, die Nacht der Liebe und die des heißen Bluts und die der Gebete und die der Lust und die Ewigkeitswünsche und die der Hoffnungen, der Verzweiflungen – und was nun? Wo sind die Märchen am Ende ihres Hohns und Gelächters, wo die Liebesgesänge am Hof der alten Könige? In sich selbst verkrochen, beschämt und gleichgültig, zur Gleichgültigkeit verdammt, verflucht, verbannt, schritt sie über uns hinweg. Lachend sang sie von oben dem verkohlten Weltgebäude. Ich bin der Baum, den sie schlugen, das Land, das sie teilten. Die Straßen durch mich. Eine Kreuzung durch alle hindurch der Taten. Kreuzigung. Kreuz, das ich mir schlug. Kaputt. Erstickend. In der Freiheit unseres Zwangs vermodernd. Zerbrechend unter der Luft der Zeit. Sandsteingesichter am Portal unserer Kathedralen — — zerfallend.

(Hans Jürgen Syberberg/ DIE NACHT// Textmaterial für Inszenierung DIE SCHÖNE MÜLLERIN)

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