Wagner 3 – im mysthischen Abgrund

„Hier wo mein Wähnen Frieden fand“ – lässt Wagner über seinem Hauseingang in Bayreuth anbringen. Im Garten hinter dem Haus ist das Grab schon ausgehoben und wartet auf ihn. Die Erde geweiht von Ansprüchen – z.T. hat er sie versucht, in Worte zu fassen. Dellin vergleicht das in seiner Biografie mit halbverstandenem Geschreibsel eines Schülers, der Sätze abschreibt, zitiert, die Ausrufezeichen weglässt, sie der staunenden Welt als seine und neue Gedanken hergibt. Zum Teil – und das in aller Verrätseltheit klarer, sind die in die Stücke eingeflossen.

Wahnfried ist ein Museum, von Anfang an. Ist es nicht so, dass Wagner hier „ausgerast die Brunst“ sich auf dem ausruht, was er einmal gesagt hat? Sich willfährig von seinen Anhängern und namentlich von seiner Cosima noch während er atmet in eine Mumie verwandeln lässt. Von dieser Frau, die ihrerseits noch Jahrzehnte nach Wagners wirklichem Tod als schwarzgekleidete Geisterfrau das Stadtbild Bayreuths und das Gedankenbild der Kulturwelt beherrschen wird.

Die Frage ist doch, wo der Zeitpunkt ist, da alles, auch das Schreiben, zum Museum gerinnt. Wann der mystische Abgrund aufreißt, der im Festspielhaus seine weltliche Entsprechung gefunden hat. Ein schwarzes Loch im Dämmerraum, aus dem nur noch die Erinnerung an Neues dringt.

Die Geschichte der Bayreuther Festspiele ist eine Geschichte ungelebten Lebens, eine Geschichte des Scheiterns. Noch nicht einmal der Plan eines Theaters für alle, eines Theaters, zu dem jedermann Eintritt hat, hat sich jemals erfüllt. Schon zu Beginn nicht. Er wird gleichwohl pervertiert. In nationalsozialistischen KDF-Aktionen. In der Verfremdung eines Public Viewing. Gerade dies ist es, was die tiefsten Löcher in Wagners Festspielgedanken reißt. Eine andere sich nie mehr schließende Wunde in der lagen Wundengeschichte von 1813 bis heute. Der Verrat an dem, was man in der europäischen Zivilisation einmal als den Grundgedanken von Theater verstanden hat.

Wo also reißt die Wunde auf zwischen dem durch die Welt treibenden Wagner und seiner Bayreuther Statue. Ist es in Zürich, in der Villa Wesendoncks, als Otto halb verletzt, halb drohend, halb entsagend (???) seiner Frau und dem Komponisten die Leviten liest? Ist es, als die Flucht nach Paris/ Malta oder wohin auch immer abgesagt wird. Ist es, als er mit Cosima in Berlin in der Kutsche sitzt. Ist es irgendwo eine Entscheidung: ich will nicht mehr, ich gebe mich mit dem zufrieden, was ich haben kann?

So besehen, ließen sich die MEISTERSINGER als Zitaten-Nonsens lesen, als ein Versammeln der Trümmerstücke. Der PARSIFAL dann als einen Rückzug aus der Kommunikation, die in TRISTAN noch versucht, sich der Welt aufzuzwingen. Aber paradox: verlangt Wagner nicht schon in Zürich nach bedingungsloser Nachfolge, nach eben den Jüngern, die er dann in Bayreuth hat? Warum also diese Verweigerung in das nicht mehr zu Ortende hinein. Grundthema des Parsifal: Verwischen der Bezugspunkte. Verwischen der Spuren. Status Quo einer Welt, die zu Ende ist, ohne es zu wissen. Wie es manchmal mit Menschen ist, die man köpft und deren Körper hat das noch nicht gemerkt und geht noch ein paar Schritte weiter. Der Entwurf zu TRISTAN zeigt bereits den PARSIFAL – auf der Suche – Sucht, wie PARSIFAL das dann später selber sagt. Eben diese Suche hat in der später vollendeten Oper nichts mehr zu suchen. Wird in die Rolle der KUNDRY verdammt. Wird in die musikalischen Zwischenspiele verfrachtet. Es geht um den von Ton zu Ton immer verzweifelter werdenden Versuch, anzukommen. Nein, angekommen zu sein. Aus Verzweiflung wahllos. Oder auf das Jenseits gerichtet.

2011 im Sommer stehe ich mit einer mir sehr geliebten bewunderten Sängerin vor der Villa Wahnfried. Und da hat sie plötzlich – sie ist für so etwas sehr feinfühlig – einen Geist gesehen. Genau hinter dem Fenster, da Wagners Arbeitszimmer einmal war. Genauso wie PARSIFAL bis zur Unkenntlichkeit jeder Aussage verrätselt ist, Frage auf Frage türmt, bis sich keiner mehr zurecht findet, sich in der eigenen Mythos-Verträumtheit zugrunde richtet, Maulkorb –
genauso wie 2011 war es schon 1876 als Wagner noch lebte – und auf sein schon offenes Grab blickte:
Wagner ist niemals eingezogen in Wahnfried. Das „Wähnen fand Ruhe“. Und ohne dies zog er leere Hülle in diese Villa ein. Als Geist. In einer Sprache singend, die keiner mehr verstehen konnte, der noch am Leben ist.

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