Wagner/ Musical/ ORFEO

SEIN ENGEL
ein Richard-Wagner-Drama
Text-Fragmente/ Hamburg/ Februar 2012

4/ ORFEO 1
er stieg zu ihr herab
immer tiefer stieg er zu ihr herab
für sie
über die grenzen des denkens
die grenzen der vernunft
was sollte er sonst auch tun
sie hatte ihn doch verlassen
der tod kommt doch immer viel zu früh
so dachte er sich auf dem weg zu ihr
harfenzitternd
singend
unter das erdgewölbe hinein
in die versteinerten himmel
ohne zweck
es war sein singen, das sie hinabtrug in die unterwelt
sein singen war klüger als er
es wusste, wo er sie finden würde
so viel und viel ewiger als er selbst
und ewiger als die hölle, die sie bewohnte
ewiger als die finstersten schatten
dieses singen
das das tanzende feld der seligen verstummen machte
als wäre es nie geschehen
wurde es zu einer blutenden klaffenden wunde
ja das unterste kehrte sich zu oberst für ihn
die mutter erde öffnete ihren malmenden schoß
und da war sie endlich wieder bei ihm
das geliebte leben
für ihn
für sein singen
aber er durfte sie nicht ansehen, sagte sie ihm
sonst wäre sie für immer dahin
er durfte nur von ihr träumen
aber als sie beide aufstiegen
aus dem unnennbaren undenkbaren
aus der besungenen ferne
da wurde ihnen das herz schwer
weil das singen manchmal doch nicht reicht
sie wollten sich doch so gerne anschauen
sie wollten voneinander lernen
sich verlieren in den augen des anderen
wie damals, als sie noch am leben waren
wie engel fühlten sie sich da auf einmal
traurige wesen mit zerbrochenen schwingen
sie steuerten noch auf das licht der erde zu
aber sie hatten vergessen, warum
und sie hatten auch vergessen, was da eigendlich zu retten war
sollte er sie retten
sie ihn
wovor
das lied retten, das er einmal für sie gesungen hatte
als sie noch am leben waren
für sie allein
was war das bloß
hatten sie nicht
je weiter der weg
vergessen
vergessen
dass sie überhaupt etwas vergessen hatten
dass da etwas fehlte
wer weiß wie viele tausend jahre schon
wer ist das der mir durch die dunkelnacht hindurch auf den fersen ist
die sonne geht schon unter da draußen
der weg war also zu lang zu lang für ihre gedanken
und deshalb mussten sie sich wohl dann auch endlich umschauen
und mussten sich auf ewig verlieren
aber für das singen, da war der weg wohl nicht zu lang
denn als er sich zu ihr umwandte
und alles grauen war plötzlich wirklichkeit
denn plötzlich wussten sie wieder
was alles nicht sein durfte
und sie zerfiel zu singendem klingendem glitzernden staub
er aber taumelte und kroch in die welt hinaus
und die geister der hölle holten ihn ein und rissen ihn in stücke
sie schnitten ihm den kopf ab
und warfen ihn in die gosse
dass er durch die ozeane schaukelte
da sang es noch immer weiter aus ihm
da war das lied immer noch da
auch wenn es keinem mehr helfen konnte

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