Notiz 001

Morgen am Radio. Eins nach dem anderen schlägt der Tag zu und stellt die Freiräume des Denkens zu.

Zum Kapitalismus – der beruht auf einer scheinbaren Gegebenheit und einem uneinlösbaren Versprechen
1. Es gibt eine Rangliste von Tätigkeiten, das sieht man an der Bezahlung und daran, wer sich darum kümmern muss. Judith Butler beschreibt, wie auf dem Tahrir Platz die Klos reihum gereinigt werden. Das ist in einer gesetzten Gesellschaft nicht zu denken.
2. Es gibt also eine Gruppe von Menschen, die die Scheiße wegräumen. Die werden scheiße bezahlt. Und ihre Kinder haben lediglich die Perspektive, in ihre Fußstapfen zu treten. Da sorgt die fehlende Bildungsgerechtigkeit für. Interessant, dass die Google-Rechtschreibung das Wort nicht kennt.
3. Eine Gesellschaft, der das Personal zum Scheiße wegputzen fehlt, holt es sich aus dem Ausland, sei es als Gastarbeiter (s. Wallraff), Asylant oder als Illegaler siehe USA.
4. Das Konstrukt wird von der Verheißung gestützt, dass alle das selbe meinen, wenn sie von Freiheit sprechen und Gleichheit. Wenn allerdings jemand zwecks Erbschaft oder zugekaufter Bildung einige hundert Meter Vorsprung hat, ist es eine Lüge, zu behaupten, die Chancen seien gleich verteilt.

Dann frage ich mich immer noch, das hat aber mit diesem Thema nichts zu tun: warum die Songs von Mark Forster so scheiße sind und warum so viele Jungs in Eimsbüttel und anderen Enklaven des internationalen Hipstertums wie Clone von dem Typ aussehen.

Und außerdem frage ich mich, ob die FFF-Versammlungen nicht ohne Führungsfiguren auskommen müssen, wenn sie der Flussrichtung ihrer eigenen Emanation nicht widersprechen wollen. Will man dieser Blickrichtung folgen, ist Luisa Neubauer ein Systemfehler.

Wir sind das Volk…(!)(?)

Diese Gemengelage lässt sich exemplarisch in Zittau beobachten, einer Stadt mit knapp 30.000 Einwohnern in Ostsachsen. An einem Samstagmorgen im Mai stehen 15 genehmigte Protestierende auf Kreuzen aus Klebeband auf dem historischen Pflaster des Neustadt-Marktes, wie ein Reporter der Sächsischen Zeitung beobachtete. „Gegen Willkür und Schikane“, haben sie auf eines der hochgehaltenen Transparente geschrieben. „Wir sind das Volk“, rufen Schaulustige über den Platz – den Slogan der DDR-Wende von 1989, und „Widerstand“. 
Aus DIE ZEIT
https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2020-05/coronavirus-proteste-demonstrationen-infektionsschutz-einschraenkungen/komplettansicht

Nur einige wenige rasche Notizen dazu:

  1. Es gibt jetzt auch eine Partei zu dem Thema. Widerstand2020. Ich warte mit Spannung darauf, zu sehen, in welche Richtung und damit verbunden, in welches Extrem, sich diese Partei bewegen wird. Ich tippe auch Rechts-außen.
  2. Die Vermischung und damit Instrumentalisierung von 1989 ist in etwa so hellsichtig wie das Abspielen von TREULICH GEFÜHRT bei einer Hochzeit. Wer die Handlung der so zitierten Oper kennt, der Grad der Zerstörung, der die besungene Liebesbeziehung zum Zeitpunkt des Chores in der Handlung unterliegt, muss um die damit zu feiernde Ehe Angst bekommen.
  3. Versammlungen sind eine Macht. Sie sind das als reine Ansammlung von Körpern, noch ehe das erste Wort gesprochen und damit die politische Einordnung gemacht ist. Die Unmöglichkeit von Versammlungen ist ein Eingriff in ein Existenzrecht, der in seiner Tiefe nicht zu unterschätzen ist.
  4. Versammlungen lieben die Maskierung. Maskierungen geben einer Zusammenkunft eine Tiefenschärfe, die im besten Sinne den Teilnehmenden und über verschiedene Medien Beobachtenden das Gefühl von einer Kontinuität geben, die der Spontaneität des körperlichen Akts entgegenläuft.

Corona wirtschaften

In der Zeit darf sich Friedrich Merz zur Krise äußern. Es stößt mir nicht nur in seinem Artikel übel auf, wie die gegenwärtige Situation in die Nähe der Bankenkrise 2008 gerückt wird, sei es auch, um darzustellen, dass man nicht vergleichen kann.

„Die Finanzkrise war das Ergebnis einer Bankenkrise, die zu einer Staatsschuldenkrise wurde, die aber weitgehend begrenzt geblieben ist auf den Finanzsektor. Der Bankensektor musste damals mit großen Rettungsschirmen vor dem Kollaps bewahrt werden.“
Friedrich Merz in DIE ZEIT, 15/2020

Erst einmal, das ist mir nicht ganz klar geworden: warum mussten die Banken gerettet werden und wovor. Da haben sich ein paar wild gewordene Bänker und Investmentleute verzockt. Mit wie viel sind die für ihre Spielerei zur Kasse gebeten worden? Wer von den Verantwortlichen sitzt im Gefängnis, wo er nach dem, was 2008 abgegangen ist, auch 2020 noch hingehört?

Politische Systeme, überhaupt Grundsysteme des Zusammenlebens, verschwinden, lösen sich auf, scheitern, werden durch andere ersetzt. Das nennt man Geschichte. Der Kapitalismus ist das einzige System, das 2008 seinen eigenen Tod und die schmachvolle Offenlegung seiner Mängel überlebt hat und seitdem in China als Untoter in China Unzucht mit dem Kommunismus treibt, die einzige Idee, die ihm nach seinem scheinbaren Sieg 1989 zu Korrumpieren übrig geblieben ist.

Merz schreibt von sozialer Marktwirtschaft, Lieblingswort all derer, die daran verdienen. Es ist eine Lüge: Markt ist antisozial. Was die Politik schaffen kann sind kleiner werdende Schutzzonen, in denen Leute wie Merz ihn wider besseres Wissen ein menschliches Antlitz aufschminken können.

Gartenarbeit

Heute einen Gang durch meinen Garten getan und den Apfelbaum Erwin aus seinem Brombeere-Gefängnis befreit. Daumendicke verholzte Ranken fesselten die Äste an den Boden, als würde ihn jemand am Wegfliegen hindern wollen. Anstrengung. Das Verfilzte, ineinander geschossene aufzutrennen, damit Erwin wieder atmen kann. Jetzt hat er einen Stolz in der Haltung seiner austreibenden Zweige, den ich lange nicht an ihm gesehen. Im Herbst muss ich ihn richtig schneiden, den armen Jungen. Für diesen Sommer muss es so gehen. Das hat viel mit dem Texte schreiben zu tun, habe ich heute gedacht: da ist ein Stolz in der Welt verborgen, den gilt es mit aller Konzentration heraus zu arbeiten. Und es hat etwas von Zärtlichkeit, wenn es dann gelungen ist.

Interview mit dem Zentrum

Lese die Zeit. Interview mit Zentrum für politische Schönheit. Phillip Ruch. Der Befragte redet um die Fragen herum, erfindet sich in Philosophie und immer wieder in dem Beharren auf eine Schwarz-gegen-weiß-Sicht, die man in der Betrachtung des Nationalsozialismus sicherlich anwenden muss. Aber wer jede kritische Verständnisfrage mit einem Verweis auf die Nazis und ihre Verbrechen beantwortet, hat sich als Diskussionspartner eh diskreditiert. Grundsätzlich bejaht er ja auf krude Weise jede Frage. Ja. Für das Zentrum gibt es keinen rechts kein links keine moralischen Grauzonen und ja. Das Zentrum entscheidet wer gut ist, und wer böse. Für mich stellt sich da eine Abwehrhaltung her. Mir ist dieses moralisch überlegen sein unsympathisch. Mir ist auch das moralische überlegen sein eines Böhmermann unsympathisch. Ich mag es nicht, wenn für mich entschieden wird, wie ich die Welt zu sehen habe. Vielleicht ist es aber so, dass in demokratischen Gesellschaften genau dass ein möglicher beziehungsweise nötiger Ansatz von Kunst ist, wenn sie politisch sein will. Man muss als Künstler wohl immer Gegensätze erzeugen, an denen man sich dann ab arbeiten kann. In einer Diktatur ist es nicht so, die versteht sich ja als Gegensatz, oder aus einem Gegensatz geboren. Da ergeben sich die Grenzen von selbst.

https://www.zeit.de/2019/16/philipp-ruch-zentrum-fuer-politische-schoenheit-kuenstlergruppe

Schweigen

Während ich ein Protokoll der Produktion von Robert Wilson, Tankred Dorst, über deren Parsifal Projekt, lese, kommt mir eine Erkenntnis: man muss vielleicht, wenn man Theater, Kunst, Literatur machen will: die Wirklichkeit als die unmöglichsten der Wahrscheinlichkeiten spürbar machen. Das ist natürlich eine Fortsetzung der Gedanken von Bertolt Brecht. Die Wirklichkeit herausnehmen, und sie untersuchen, Stück für Stück davon ab lösen, und eine Haltung dazu einnehmen. Man wird vielleicht in Haft genommen, wenn man über die Wirklichkeit spricht. Das ist wie Kaspar mit den magischen Kugeln. Die treffen am Ende das, was einem am Herzen liegt.
Worum geht es, wenn wir Geschichten erzählen? Nicht gelesen zu werden? Nicht in Betrieb zu sein? Pausen zu setzen, den man nicht eindringen kann. Tristan. Die Pausen zwischen den Akkorden sind das warten auf die Erlösung. Lösung das ist nicht Liebe. Das ist ein Ort, wo Liebe nicht mehr notwendig ist.

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Story Telling

Sehe
https://en.wikipedia.org/wiki/Life_(2017_film): aus einer Zelle, die vom Mars auf eine Raumstation transportiert wird, wird ein Monster, dass die Crew vernichtet.

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was spannend ist: wie sehr der Film fesselt, obwohl keine der Ideen neu ist. Weder die des Monsters aus dem All, noch der Versuch, es von der Erde fern zu halten. Selbst ein wenig Kritik an menschlichem Verhalten ist möglich: das Wesen entwickelt sich zum Monster, nachdem es mit Elektroschocks traktiert wurde.

Auffällig, wie planmäßig der Film gebaut ist: Symmetrien überall, das Kinderbuch, das am Anfang einem frischgebackenem Vater gegeben wird, das am Ende den beiden letzten Überlebenden als moralische Stütze dient.  Der Meteorenschauer, ein zufälliges Zusammentreffen mit einem Hindernis, das zu Beginn die Kapsel mit der Zelle fast ins Nichts verschwinden lässt, das Zusammentreffen mit den Bruchstücken der zerbrechenden Raumstation, das am Ende dazu führt, dass das Wesen doch auf der Erde landet.

Die Phantasie der Menschen spielt mit Szenarien ihres selbstverschuldeten Untergangs. Mit einer Hartnäckigkeit, wie man sie sonst bei Borderline-Betroffenen sieht, wenn es darum geht, sich selber zu verletzen. Das ist Katharsis umgedreht. Wir härten uns ab, und lassen eine Energie raus, die uns sonst zum Überdenken unserer Handlungen drängen würde. Kann man also sagen: ein solcher Film  ist ein Ventil, das dem uns beherrschenden und unseren Planeten zugrunderichtenden System in die Hände spielt?

Rosa 1

„Der unzerbrechliche Kern Ihrer Überzeugung war, dass der Kapitalismus die Lebensgrundlagen der Menschheit zerstört, sie der Barbarei zuführt, dass es nur einen Ausweg gibt, den Sozialismus als andere Gesellschaftsordnung, und dass der Sturz der alten Ordnung und der Aufbau der neuen das Werk der aufgeklärten Massen sein müsse.

Uwe-Jens Heuer: Rosa Luxemburgs Demokratieverständnis und unsere Epoche“

Aus: Klaus Zinner/ Helmut Seidel (Hrsg.): Rosa Luxemburg

Dietz 2002

In diesem Satz, der sich auf eine Geschichte von mehr als 100 Jahren bezieht, stehen gleich eine Mehrzahl von Fragen an unsere Zeit. Annelies Laschitza sagt in ihrer Biografie über Rosa Luxemburg, dass diese die „Massen“ falsch eingeschätzt habe. Wenn man aber mal den „Massen“ (welche sind das?) eine solche Macht und Verantwortung zusprechen würde: warum sonst sollten auch heute so viele Unternehmungen geschehen, die „Massen“ mit Nichtigkeiten zu beschäftigen und künstlich erzürnt und aufgeregt zu halten, damit diese nicht zum nachdenken kommen. Was aber muss geschehen, um die „Massen“ in einen Zustand der Aufmerksamkeit zu versetzen, der der Aufklärung vorausgeht?

Free-Style 1

Ich leuchte dann mal 
ein bisschen nur 

ein Luxus-mäßiges bisschen 

nur so weit, dass es für meine guten Freunde reicht 

mehr kann ich mir momentan auch nicht leisten, bei den Strompreisen. 

Man muss sich auf das wesentliche konzentrieren 

da geht es nicht ums Protzen und Brillieren 

aber worum geht es dann eigentlich 

was ist das dieser kleine nervige 

Kitzel in den Herzkranzgefäßen 

der mir sagt du musst ganz sicher 

leuchten heißt das, ja genau ein wenig 

Licht ins Dunkel bringen 

Mann, kann ich manchmal kitschig blumig klingen 

warum setze ich mich nicht einfach auf das Sofa 

und ziehe mir ein bisschen Netflix rein. 

Dieser nervig leise Kitzel du:

musst etwas zu bedeuten haben

als hätte man nicht das Recht 

einfach da zu sein 

und nichts, was man auf seinen Grabstein schreibt als 

der war einmal. 

Meine Freunde liegen mir sehr am Herzen,

soviel ist sicher,

und nicht nur, weil die die einzigen sind, 

die das sehen, wenn ich am lächeln und leuchten bin 

wenn ich etwas bedeuten will. 

Die sehen das und sagen dann:

Mensch mach mal langsam 

Da ist ja nur so viel, was einer allein ertragen kann,

da sind ja auch noch einhunderttausend andere, 

die gegen einen anleuchten. 

Wir strahlen alle um die Wette 

als ob da eine Kamera ist, mit der einer auf uns zuhält  

Und wir wollen ein Loch in eine Kino Leinwand brennen, 

Aber wir werden ja sowieso aus dem Film rausgeschnitten  – 

das macht schon ganz schön müde 

etwas zu bedeuten zu haben 

Zu wollen, dass es so sei, 

und wenn man dann abends auf der Couch sitzt 

dann hat man auch nicht mehr die Kraft für mehr 

als sich ein bisschen Netflix reinzuziehen. 

Ich schlafe dabei auch immer ein 

und träume mild mir dann dazu 

dass meine Freunde sagen, Wahnsinn, du 

bist schon so richtig was Besonderes.